Gades




Als wir zum ersten mal nach Cádiz fuhren, am Anfang der des verregneten Winters, irgendwann im Dezember 1995, wussten wir nicht genau was uns erwarten würde. Wir wussten nicht das Cádiz wahrscheinlichdie älteste Stadt des Okzidents war. Wir wussten nicht, dass Cádiz über viele Jahrhunderte hinweg ein wichtiges kulturelles Zentrum nicht nur Andalusiens, sondern auch Spaniens und zeitweise sogar Europas war. Wir wussten, dass Cádiz die Hauptstadt der Provinz war und irgendwo, 40 km nórdlich von Vejer zu finden sei. Wir wussten auch, das es dort ca. 300.000 Einwohner gab und, das hofften wir, einen etwas grösseren Supermarkt, als unser Gemischtwarenhandel in Vejer de la Frontera mit möglicherweise etwas grösserer Auswahl an Nahrungsmittel geben wird. Das war der einzige Beweggrund, nach Cádiz zu fahren. Die Kultur des Landes interresierte uns noch reichlich wenig. Wir hatten mit dem neuen täglichen Leben in Vejer schon viel genug zu tun.

Wir fuhren mit unserem kleinen roten Auto über die RN340 nach Norden, vorbei an den grossen Tio Pepe Reklameschildern, zahlreichen kleinen Ventas, also Gaststätten am Rande der Strasse die früher mal Pferderelais waren und dann fester Bestandteil des ländlichen kulturellen Lebens wurden, an, von Kakteenzäunen eingegrenzten Feldern und riesigen Schlaglöchern in denen sich das Wasser der letzten Regenwochen sammelte.



El Colorado und der Überlebende der Schlacht von Trafalgar


ein kleines Dorf das aussieht als sei es die Dekoration eines billigen Westerns gewesen. Häuser, Ventas, kleine Keramikwaren-Geschäfte, eine Bank, ein Mechaniker der vor nicht allzulanger Zeit – noch gut sichtbar – eine Schmiede war, sonst gibt es keine weiteren Strassen, Gassen oder Wege, keine Kreuzungen oder Ampeln, nur die Landstrasse un an den staubigen Rändern, staubige kleine Gebäude, Ställe und eingegrenzte Waiden mit gelangweilten Kühen. Und schnellen Kindern. An der Ortseinfahrt stand ein Verkehrsschild mit der Aufschrift: “Achtung: 80 km/h. Kinder überqueren die Strasse.”

Erst viel später, als wir versuchten mit einem der Keramikläden ein Export-Geschäft zu machen und einige Leute in El Colorado besser kennenlernten, erfuhren wir, dass dieser Ort früher nur ein Pferderelais war, ein Stall, eine Venta und die Schmiede, und dass sich nach und nach die anderen Geschäfte und Häuser angesiedelt haben. Eines Tages, im Jahre 1805, fuhr der Wirt der Venta um Fisch zu kaufen zum Cabo el Roche, einer zerklüfteten Steilküste mit kleinen, schwer zu erreichenden Buchten und versteckten Höhlen, die einst den maurischen Piraten als Unterschlupf dienten. Er wartete auf seinen Schwager, dem Fischer. Am Süden, über dem Meer hingen sah man noch einige Rauchwolken von der Schlacht, diesem grossen Gemetzel, diesem unaufhörlichen Kanonendonner, das die Bewohner von El Colorado vor zwei Tagen keine Ruhe liess. Aber niemand traute sich an den Strand um sich das graue Spektakel anzusehen. Nachrichten kamen von zahlreichen Boten und Spionen, die in der Venta halt machten. Das Geschäft lief gut. Der Wirt verköstigte alle. Die Spanier und die verkleideten Engländer, die hier bei einigen Flaschen Vino Fino die Neuigkeiten der Flotten, der Feldherren und der Schlacht erzählten. Und das ganze Dorf trank mit und hörte zu. Jeder erzählte vom teuflischen Admiral Nelson. Die spanischen Boten mit Respekt, die feindlichen Spione mit Spott. Daran waren sie leicht zu erkennen. Die Nachricht, dass Admiral Villeneuve, der Kommandant der siegreichen Französisch-Spanischen Armanda geschlagen wurde erreichte die kleine Gemeine in der Venta erst am Morgen nach der Schlacht, als die letzten Kannonendonner schon lange erloschen sind. Der Wirt der Venta dachte nicht an Engländer, Franzosen oder Spanier, er dachte nur an die vielen lebslosen Körper, die jetzt im Meer treiben und langsam für immer auf den Grund sinken, an die Mütter, Frauen und Kinder, die zurückbleiben werden. Dachte an seinen Vater, der auch nicht zurückkam nachdem ihm die Soldaten des Grafen von Medina ihm in seiner Venta einen verrosteten Säbel schenkten, bevor sie ihn betrunken mitgenommen haben.

Sein Schwager ruderte langsam heran. Er hatte keine Fische dabei. Auf dem Boden seines kleinen Bootes lag, zusammengekauert unter einer Decke, ein verängstigter, nackter Mann, der in einer seltsamen Sprache, die wohl englisch sein musste, weil es nichts mit dem französisch der Militärs, die in seiner Venta halt machten, zu tun hatte, immer die grleichen Sätze wiederholten. Er musste schlimm zugerichtet worden sein, der ganze Kopf war blutig, die Haare rot durchtränkt. Sie nahmen ihn auf dem Eselskarren mit in die Venta, gaben ihm Wasser und Wein, badeten ihn, untersuchten ihn. Aber er hatte keine sichtbaren Wunden. Vorsichtig wuschen sie ihm die Haare, aber er schrie nicht auf vor Schmerz. Als er sich abtrocknete, anzog und still auf dem Bett lag, sah der Wirt und sein Schwager, dass seine Haare nicht blutig waren. Sie waren rot. Das haben sie noch nie gesehen. Feuerrote Haare. Der seltsame Gast blieb in der Venta. Half fleissig bei den täglichen Arbeiten mit, wurde bald zu einem Freund, dann fast Mitglied der Familie, und dann, nachdem sich die Tochter des Wirts in den Fremdling verliebt hatte, wirkliches Mitglied der Familie. Die Leute kamen, um ihn zu sehen und von ihm die Geschichte seines Landes zu hören, einer kleinen Insel namens Irland, die westlich von England gelegen, Teil des grossen Britischen Empires war. Man mochte den Rothaarigen, den “El Colorado” (colorado bedeutet rötlich gefärbt). Einige Jahre später vermachte ihm der Wirt seine Venta, die ab jetzt “El Colorado” genannt wurde, und heute, fast 100 Jahre nach der Schlacht von Trafalgar, findet man in El Colorado die grösse Ansammlung rothaariger Andalusier auf der iberischen Halbinsel.



San Fernando: Die Löweninsel


Der zweite Ort, schon kurz vor der Einfahrt zu Cádiz und inzwischen schon fast übergangslos mit der Provinzhauptstadt verwachsen, wurde, als er noch auf einem Felsen im Atlantik lag, die “Löweninsel” genannt. Inzwischen ist der Ort auf dem Festland, wenn man die umgebenden Sumpfgebiete, die in Salinas, also Salzfelder, umgewandelt wurden, so nennen kann. Hier wollte langezeit niemand leben. Erst ein Militärlager (und noch heute gibt es in San Fernando grosse Kasernenanlagen der spanischen Armee) und dann die armen Tagelöhner der Salzfelder machten diesen unwirtlichen Ort zu einer Stadt. Die strategische Lage ist klar erkennbar. Dieser Ort ist das Tor zu Cádiz, der Brückenstein zu dem schmalen Streifen sandigen Boden, das die Halbinsel Cádiz mit dem Festland verbindet. Hier hatte Napoleon sein Lager aufgeschlagen und verzweifelt versucht die eingeschlossene Stadt Cádiz zu erobern. Ganz Spanien war in Hand der Franzosen, nur die Gaditanos, wie sich de Bewohner von Cádiz nennen, widerstanden erfolgreich allen Angriffen der Eroberer, widersetzten sich der Belagerungspolitik und feierten weiterhin noch einige Jahre lang im Februar den berühmten Karneval während sich die Kaiserlichen Truppen einige Steinwürfe weit die Haare rauften. Mehr noch – grosser Hohn der kleinen Geschichte: 1812 wurde im belagerten Cádiz von den Cortes, den Abgeordneten, die erste liberal-demokratische Verfassung verabschiedet. Sie war nur wenige Wochen gültig. Hatte aber grosse Auswirkungen auf das politische Leben der Provinz.